Leonardo da Vinci - Das letzte Abendmahl
"ein Streitgespräch auf Leinwand"

 

Das Bild ist 9,04 Meter lang und 4,22 Meter hoch, in Öl und Tempera auf Mauerwerk, Harz und Pech als Grundierung.
Eingang zur Kirche Santa Maria delle Grazie
Bartholomäus

stützt sich auf den Tisch und ist empört. Wie kann das Ungeheuerliche nur geschehen?

Jacobus d. Jüngere

bleibt scheinbar gelassen, doch ist er starr vor Schreck. Die erhobene Hand gehört zu Andreas.

Andreas

zieht mit dem Ausdruck des Erstaunens seine Schultern hoch und wehrt mit den Händen ab, die besagen: "Aber ich doch nicht!"

Judas

sitzt im Unterschied zu konventionellen Darstellungen an der gleichen Tischseite wie Jesus und die übrigen Jünger. Allein seine Haltung fällt auf. Während die Worte des Meisters bei den Jüngern Bestürzung hervorrufen und sie anfangen darüber zu diskutieren, verharrt Judas unbeweglich, scheint innerlich isoliert und bleibt zerrissen unter der Last seines Verrats allein. Sein Blick ist starr - verfolgt man seine Blickrichtung, geht diese über das Haupt Jesus' hinweg. Judas ist platziert zwischen dem aufbrausenden Temperament des Petrus und dem sanften Johannes, wodurch sein undurchsichtiger Charakter erst recht hervorgehoben wird. Judas hält einen Beutel in seiner Hand und wirft mit der anderen das Salz um.

Petrus

ist begierig zu erfahren, wer der Verräter sein wird. Er gilt als temperamentvoll - seine Hand zeigt Aktion. Und steht im Kontrast zu dem vergeistigten, sanften Johannes.

Johannes

 lauscht den Ausführungen Petrus' und ist mit sich im Reinen, denn er weiß, dass niemand ihn verdächtigen wird, Jesus zu verraten. Es genügt ihm, still dazusitzen und das unglaubliche Geschehen zu betrauern.

Thomas

zeigt gen Himmel - wehe dem Verräter!

Jakobus d. Ältere

breitet seine Arme verständnislos aus. Wer könnte diese Untat nur begehen?

Philippus

ist tief betroffen. Das kann doch nicht wirklich geschehen?

Matthäus

fragt Simon: "kann es stimmen, was uns Jesus gerade gesagt hat?"

(Judas) Thaddäus

Ungläubig traut er nicht seinen Ohren und fragt Simon, was es mit Jesus' Prophezeiung wohl auf sich habe.

Simon, der Zelot

sucht nach Erklärungen, versucht das Unfassbare zu begreifen.



Leonardo arbeitete von 1495 bis 1497/1498 an dem Gemälde, welches die Nordwand des Refektoriums einnimmt. Die Dominikanermönche nahmen ihre Mahlzeiten in diesem Raum ein. Dargestellt wird der Moment des Abendmahles, in dem Jesus seinen Jüngern verkündet, daß einer unter ihnen, ihn noch am selben Abend verraten wird.

Auftraggeber war Ludovico il Moro, der das Kloster zur Grablage seiner Familie erwählt hatte. Er ärgerte sich sich wohl genau wie der Abt über die Langsamkeit, mit der Leonardo ans Werk ging. Zeitweise ließ dieser sich gar nicht im Refektorium blicken und kümmerte sich lieber um andere Arbeiten oder gab sich seinen zahlreichen wissenschaftlichen Studien hin. Doch Leonardo brauchte die Zeit, um sich über die Gestaltung des Themas klar zu werden. Zuweilen stand Leonardo auch stundenlang in Gedanken versunken auf dem Gerüst, ohne einen Pinselstrich auszuführen.

Andauernd studierte Leonardo auch auf den Straßen Mailands die Gesichter der Menschen, immer auf der Suche nach dem passenden Gesichtsausdruck für die Jünger und Jesus. Vor allem die Darstellung des Judas bereitete ihm Probleme. Einem Gerücht zufolge, soll Leonardo zum Vorbild für seinen Judas den Prior des Konvents Santa Maria delle Grazie genommen haben, weil dieser den Künstler permanent voller Ungeduld mit Fragen über die Fertigstellung des Werkes traktiert hatte. Wahrscheinlich war dies allerdings nur ein Scherz, denn auch Leonardo konnte es sich nicht leisten, seine Auftraggeber derart zu verprellen.

Berühmt wurde das Gemälde hauptsächlich durch die Anordnung der Personen in Dreiergruppen an der Tafel sowie durch die "psychologische" Darstellung in Mimik und Gestik der Apostel. Die zweite Dreiergruppe zeigt Petrus, Johannes und Judas. Petrus neigt sich zu Johannes - die Hand auf seiner Schulter - und hat dabei versehentlich Judas (4. von links) von vorne gestoßen. Dadurch rückt Judas Gesicht in den Schatten. Leonardo hat mit seiner Darstellung erstmals die Figur des Judas in die Gruppe der Jünger einbezogen und durch sein erschrockenes Zurückweichen kenntlich gemacht.

Bei der Restaurierung und dem Abtragen der nachträglichen Übermalungen wurde u.a. auch die ursprüngliche Lichtführung Leonardos wieder sichtbar. Nach hinten öffnet sich der Raum im Bild und wirkte so für die Mönche wie eine Verlängerung ihres eigenen Speisesaals. Beim Betrachten der Zinnteller und Gläser, in denen sich die Farben der Gewänder, der vor ihnen sitzenden Apostel widerspiegelt, wird Leonardos Umgang mit dem Licht ebenfalls sehr deutlich.

Leonardos Komposition zeigt Jesus mit ausgebreiteten Armen auf Brot und Wein deutend im Zentrum des Bildes, der Türbogen über der rückwärtigen Tür bildet gleichsam eine Art Heiligenschein um sein Haupt. Thema des Bildes ist also auch die Einsetzung der Eucharistie. Jesus ist Mittelpunkt und Ruhepol des Bildes, während die Jünger durch Jesus' Ankündigung in Unruhe und Aufregung geraten sind. Sie sitzen Jesus zur Seite, jeweils rechts und links in zwei Dreiergruppen. Durch Gestik und Mimik halten die dargestellten Personen untereinander Kontakt, einzig Judas wirkt ausgeschlossen und in sich gekehrt.

Leonardo strebte im "Letzen Abendmahl" die Einheit zwischen Figur und Raum an - perfekt die Perspektive: verlängert man die Fluchtlinien der oberen Tür- und Raumbegrenzungen, so laufen diese allesamt auf Jesus zu.

Leonardo, der stets mit neuen Techniken der Malerei experimentierte, verzichtete auch hier auf eine bewährte Fresko-Methode und wählte eine Art magerer Temperafarbe, um das Gemälde aufzutragen. Diese neue Methode ermöglichte ihm erst, in seiner gewünschten Langsamkeit zu arbeiten.

Doch bereits zu Leonardos Lebzeiten litt das Gemälde unter der Feuchtigkeit der Refektoriumsmauer und zeigte bald starke Beschädigungen. Feine Haarrisse ließ Leonardo selbst übermalen. Doch der Zustand des Gemäldes verschlechterte sich über die Jahrhunderte rapide. Im 17. Jh. überzog ein weißlicher Schleier das ganze Kunstwerk, dessen Farben immer mehr verblassten. Allmählich ähnelte die Oberfläche einer Ansammlung von Reptilienschuppen.

Aber trotz aller Mängel in der Beschaffenheit wurde das Gemälde noch zu Leonardos Lebzeiten hoch gelobt, bewundert und kopiert. Der französische König Franz I. wollte sogar die gesamte Refektoriumsmauer abtragen und nach Frankreich schaffen lassen. Auch Goethe betrachtete 1788 Leonardos Meisterwerk mit Begeisterung und schrieb über die Gestik und Mimik der Apostel in seinen Reisenotizen: "...alle Glieder nehmen teil an jedem Ausdruck des Gefühls, der Leidenschaft, ja des Gedankens."

Generationen von Restauratoren überlegten und erfanden z.T. auch dilettantische Methoden wie das Gemälde zu retten sei und scheuten sich auch nicht, die eigenen Vorstellungen von der Darstellung über die Originalität des Werkes zu stellen. Deshalb wurden etliche Gesichter im Lauf der Zeit völlig entfremdet. Es ist fast ein Wunder, daß Leonardos fast zu Tode restauriertes Werk uns heute noch erhalten geblieben ist. Daran änderten auch die zahlreichen bewaffneten Konflikte nichts - sei es, daß das Refektorium als Pferdestall mißbraucht wurde wie von den französischen Revolutionstruppen 1466 oder als 1943 eine Bombe auf das Bauwerk fiel, die glücklicherweise nur die Südwand des Raumes traf.

1987 inszenierte Andy Warhol eine umstrittene Hommage an Leonardo, in dem er eine Gruppe von 22 Bildern ausstellte, auf denen er das "Abendmahl" im Siebdruckverfahren mehrmals doppelte, seriell aneinanderreihte und in Segmente zerlegte.